Im Plastikdschungel

Was ist schwerer als eine Landung auf dem Mond? Ein Kinderzimmer so zu gestalten, dasses nicht nur schön und funktional ist, sondern auch mit ihrem Kind mitwächst. Manche Mädchen träumen ihr ganzes Leben von ihrem Traumprinzen und ihrer Traumhochzeit. Ich träumte von meiner Traumwohnung. In der gab es auch genügend Platz für einen Mann und ein Kind.In diesem Zuhause gestaltete ich auch das perfekte Kinderzimmer. Immer wieder in neuem Antlitz:
Manchmal verwandelte es sich in einen Dschungel, eingerahmt in mit Lianen, Äffchen und tropischen Vögelnbedruckten Tapeten. Stofftiere sitzenin einer Hängematte dicht beieinander und warten auf mein Kind, das es sich dort mit einem Buch gemütlich macht. Das Bett stellte ich mir wie eineSchlafkoje vor, wie eine Höhle, in die der kleine Bär kriecht, wenn er müde wird. Dann wiederum sollte das Kinderzimmer für meinen Nachwuchs ein Nährboden für große Träume sein. Ein Sternenhimmel soll ihm zeigen, dass das Leben für ihn unendlich viele Möglichkeiten bietet.Ein Hochbett in Form einer Rakete soll ihnbereitdafürmachen,große Abenteuer zu erleben. Und es solleinen weiteren Schlafplatz haben, damit die Spielgefährten auch über Nacht bleiben können.
Vorstellen konnte ich mir auch ein Kinderzimmer in pastelligen Farbtönen -ohne dabei klischeehaft (Blau für Buben, Rosa für Mädchen) zu werden. Dort sollen kuschelige Teppiche denkleinenPrinzen oderdie kleine Prinzessin einladen, am Boden zu liegen, Kuscheltiere und Puppen zum Kaffeekränzchen einzuladen und Brettspiele zu spielen.In dieser pudrig-sanften Umgebung wird es ein leichtes, am Abend schnell einzuschlafen und süß zu träumen. Dann wurde ich erwachsen und schwanger. Und die Panik brach über mich herein. In meiner geliebten Altbauwohnung ist zwar Platz nach oben, aber mindestens ein Zimmer zu wenig. Aus dem ehemaligen großzügig geschnittenen Arbeitszimmer wurde das so genannte Herrenzimmer, das sich mein großer und mein kleiner Bub nun teilen müssen. Vorbei war es mit Dschungel, Universum und Traum in Pastell. Eine schnelle kostengünstige pragmatische Lösung musste her.
Eine Ikea-Kommode bekam Schleich-Tiere als Griffe und dient nun als Raumteiler zwischen Arbeit und Vergnügen. Die Rückwand wurde mit einer Korkplatte und einer Spanplatte, die mit Tafelfarbe bemalt wurde, verkleidet, sodass wichtige Ideen, Notizen, Telefonnummern auch nicht verloren gehen. Das alte Sofa durfte im Junior-Teil bleiben,wurdeallerdings durch neue Pölsteraufgemotzt. An dieWand kamen Schwarzweiß-Fotos von unseren Kindheitshelden. Nun wachen Bud Spencer und Terrence Hill über den Schlaf unseresBuben.Spielzeug und Kinderbücher verstauten wir in alten Kommoden. Wir waren glücklich und zufrieden, zuversichtlich und überzeugt davon, kein hässliches Plastikklumpert und Kitsch in dieses kleine, aber feine Terrain einziehen zu lassen.
Nun ist unser Kleiner ein Jahr alt. Und wir haben aufgegeben. Erentscheidet bereits, was wir behalten und was wegkommt. Leider ist es nicht das teure Holzspielzeug, dass das ökologische Gewissen nachhaltig beruhigt, mit dem er spielt, sondern das hässliche, blinkende und lärmende Multitasking-Spielzeug. Da werden zwar Kinderträume wahr, aber ich fühle mich,als wäre ich in Las Vegas inmitten von einarmigen Banditen gelandet, ohne jedoch nur einen Jeton zu besitzen. Damit dem Kleinen auch sicher nichts passiert, haben wir nun auch noch ein Kindergefängnis –pardon! –Kinderwohnzimmer aufgebaut.
Dieses besteht aus quietschbunten,zusammensteckbaren Teilen, die verhindern sollen, dass unser quirliges Kerlchen überall hinkommt.Rechtfertigen kann ich es nur dadurch, indem ich mir einrede: Wenn es schon nicht aus Holz ist, so ist es immerhin second hand (von meiner Schwester),geprüft und für gut bewertet worden (von meiner Mutter). Bis ich also gelernt habe, mich gegen die Familie zu stellen und Plastikmauern einzureißen, träume ich weiter vom Dschungel, dem Universum oder einem Traum in Pastell.
DONT’s:•Lassen Sie sich ausschließlich Gutscheine oder Geld schenken, wenn Sie konkrete Vorstellungen von Kinderspielzeug und Einrichtungsgegenständen haben! •Trauen Sie sich „Nein“ zu hässlichen Klamotten und laut singenden Blink-Blink-Spielzeug zu sagen. Oder schenken Sie es gleich weiter.•Geben Sie nicht unnötig viel Geld für überteuerte Kindermöbel und Accessoires aus, die Sie nur für kurze Zeit brauchen!
DO’s:•WählenSie eine Farbwelt oder ein Themafür Ihr Kinderzimmer aus!•Sorgen Sie für genügend Stauraum! Ohne versinkt man im absoluten Chaos!•Entscheiden Sie sich für Möbel, die mitwachsen und sich umgestalten lassen!
•Legen Sie selbst Hand an! Mit anderen Griffen oder einer neuen Lackierung wird ein bereits vorhandenes Stück zum Hingucker.
•Zurück in die Vergangenheit! Ein alter Puppenwagen, das eigene Gitterbettoder OpasOhrensessel sorgenfür Gemütlichkeit und Charme.

